Verwirrt gewesen und laut gelacht, oder: wie der “Bergdoktor” zum schlechten Image der MS beiträgt – jetzt mit Antwort vom ZDF

Woher kommt eigentlich das schlechte Image der Krankheit MS? Das fragen wir uns immer wieder, wenn wir hören, mit welchen seltsamen Vorstellungen über MS sich Betroffene und Angehörige bei uns melden. Nach der letzten Folge vom “Bergdoktor”, einer Arztserie, die im ZDF läuft, wird uns aber einiges klar:

Das miese Image kommt sicherlich auch daher, dass in beliebten TV-Serien wie dieser immer wieder dieselben Katastrophenszenarien verbreitet werden. Wird da schlecht recherchiert oder nimmt man in Kauf, die Krankheit verzerrt und teilweise falsch darzustellen, weil sich damit so schön auf die Tränendrüse drücken lässt? Sicher ist jendenfalls, dass mit einer Folge viel von dem zunichte gemacht wird, was wir mit unserem Projekt aufzubauen versuchen. Und das ärgert uns natürlich. Sendungen wie “Der Bergdoktor” sind natürlich nicht allein schuld daran, dass Neudiagnostizierte meinen, ihr Leben sei zu Ende. Aber es ist in jedem Fall verwirrend, teils belustigend und oft bedenklich, was da verbreitet wird:

Präsentiert wird hier der Fall einer Mutter mit MS, voller Selbstmitleid und im Rollstuhl sitzend. Sie beklagt sich darüber, kaum noch aus dem Rollstuhl aufstehen zu können, beweist aber das Gegenteil, in dem sie genau dies mehrfach tut. Sie wurde vor kurzem von ihrem Ehemann “im Stich gelassen” (wegen der MS, wird vermutet) und lebt mit Tochter und Schwiegersohn im großen Haus am Berg. Einzige Sorge des Schwiegersohns ist, seine Frau alsbald von der Pflege der Mutter entlasten zu wollen (welche Pflege genau, wird nicht klar) und er plädiert dafür, dass man doch bald eine Pflegekraft (!) einstellen müsse. Mutters MS wird mit einem Medikament in Tablettenform behandelt, das Schub-Symptome sofort und für kurze Zeit beheben kann, aber sehr starke Nebenwirkungen hat. Das Medikament trägt den Namen „Neuroxenin“, in einer Szene kann man den Wirkstoff als “Fingulimid” identifizieren – die Ähnlichkeit des Namens zu einem realen MS-Medikament “Fingulimod” ist unübersehbar.

Ihre Tochter, die seit kurzem selbst “motorische Ausfallerscheinungen” hat, die wie Spastiken aussehen, bedient sich an den Tabletten der Mutter um zu funktionieren. Denn sie leitet mit ihrem Mann ein aufstrebendes Architekturbüro und ein großer Auftrag in London verspricht baldigen Weltruhm. Natürlich verheimlicht sie ihre Ausfälle und den Gebrauch von Neuroxenin, ihr allzu häufiger Gebrauch führt allerdings zu einer schweren Vergiftung, woraufhin sie ins Krankenhaus muss. Der Bergdoktor, der Fuchs, hat indes eins und eins zusammengezählt, er hatte einen ihrer “motorischen Ausfälle” gesehen und untersucht nun ihre Pupillen, stellt dabei “verlangsamte Reaktionen” fest und fragt sie geradeheraus: „Frau Höffner, haben Sie MS?”, diese blickt daraufhin verschämt zu Boden. Wie lange das schon so gehe, fragt er, woraufhin sie angibt: “Es gab zweimal eine Art Schub, dazwischen eine remittierende Phase (!)”, Symptome also, “genau wie bei der Mutter”. Beide sind sich in dem Gespräch, das folgt, sicher: “Diese Krankheit zerstört Alles!” und: “Diese Hilflosigkeit, die leider die meisten Patienten trifft, ist am schlimmsten”. Sicherheitshalber begleitet der Bergdoktor Frau Höffner nun noch ins Krankenhaus und direkt (!) zum MRT, danach ist die Diagnose endgültig klar. Es folgen eine Menge Tränen, die Höffners fahren nun doch nicht, wie von ihr geplant, in den Urlaub (wo sie ihm von der Diagnose berichten wollte). Klar ist: Reisen und Unternehmungen gehen mit MS-Kranken nicht, bzw. “mit einer Frau, die MS hat, kann man nicht die Welt erobern!”. Und noch einmal “diese Krankheit zerstört Alles, das Leben, die Liebe, Alles!”.

Der Bergdoktor schimpft mit Frau Höffner, überhaupt zum Neuroxenin gegriffen zu haben, denn dies “sei für die Behandlung einer Frühphase der MS nicht geeignet”. Zum Glück aber sei die “remittierende Form besser behandelbar”. Frau Höffner jedenfalls hat sich durch das Medikament einen fiesen Infekt eingehandelt, der einmal in tausend Fällen auftritt und sie fast das Leben kostet, wenn der Bergdoktor nicht einen genialen Einfall zur Behandlung gehabt hätte. Was der alles kann! Während Frau Höffner also mit dem Tode ringt, schwört ihre Mutter, mit dem Selbstmitleid aufzuhören, wenn die Tochter sich von dem Infekt erholt und auch Herr Höffner willigt ein, das Architekturbüro, so wie es sich seine Frau gewünscht hat, wieder zu verkleinern, um mehr Zeit füreinander zu haben. Noch auf dem Krankenbett wird den Eheleuten klar: “Wir wissen, was uns erwartet [mit der MS]”, Frau Höffner weiß: “Ich werde Hilfe brauchen für die einfachsten Dinge im Alltag!” und der Bergdoktor betont: “Ihr Leben wird sich sehr verändern!”. Ach ja?

Wie oft noch muss so ein Blödsinn im Fernsehen laufen? Ist vielleicht an der Zeit, sich mal an der richtigen Stelle zu beschweren.


Haben wir gemacht. Und so lautet die Antwort der ZDF-Zuschauerredaktion:

“Sehr geehrte Frau Beßler,

vielen Dank für Ihre E-Mail an das ZDF, die wir leider erst heute beantworten können.
Ihre Kritik zur letzten Folge der diesjährig ausgestrahlten Staffel des “Bergdoktors” nehmen wir sehr Ernst. Daher sollte nochmals betont sein, dass es sich um eine rein fiktionale Unterhaltungsserie handelt.

Selbstverständlich arbeiten wir bei der Stoffentwicklung und Produktion dieser Serie mit einer überaus kompetenten medizinischen Fachberatung, die aus mehreren Ärzten besteht, zusammen. Wie bei fiktionalen Programmen üblich, bedienen wir uns der Wirklichkeit, stellen diese jedoch nicht mit dem Anspruch einer Dokumentation dar. Real bestehende Problemstellungen werden dramaturgisch notwendig abgewandelt, um eine spannende und emotional stimmige Erzählweise zu ermöglichen.
In der von Ihnen angesprochenen Folge geht es ja genau im Sinne Ihrer Kritik darum, dass eine junge Frau im Laufe der Geschichte lernt, mit der Diagnose MS umzugehen und ihr Leben trotz dieser Krankheit aktiv zu gestalten. Auch Ihre Mutter, die bereits länger mit dieser Krankheit konfrontiert ist und sich zu Beginn der Geschichte fast aufgegeben hat, entwickelt gegen Ende der Folge neue positive Kraft. Sie wird nicht mehr ihre eigenen negativen Erfahrungen, die sie gerade durch die Trennung von ihrem Mann erlitten hat, direkt auf die Tochter projizieren. In diesem Zusammenhang wird mehrfach im Dialog aufgegriffen, dass es gerade bei MS sehr viele unterschiedliche Verlaufsformen gibt.
Bei der Einschätzung dieser Folge sollte auch beachtet werden, dass zwar das in der Geschichte benutzte Medikament fiktiv ist, es jedoch durchaus Medikamente geben könnte, die in ähnlicher Weise wirken. Dabei wird jedoch nie behauptet, dass dieses fiktive Medikament die Krankheit heilen kann. Es ist darüber hinaus für die Geschichte von entscheidender Bedeutung, dass die lebensbedrohlichen Auswirkungen dieses Medikamentes durch vollständig unsachgemäße Einnahme hervorgerufen werden. Zumal die lebensbedrohliche Situation der Figur nicht unmittelbar mit ihrer Krankheit, sondern mit der durch eine Überdosierung erhöhte Immunanfälligkeit zu tun haben.
Unsere Absicht war es, eine spannende und emotionale Geschichte zu erzählen, in dem wir ganz konkrete Figuren mit einer Krankheit konfrontieren, die sie ihre bisherige Lebensplanung überdenken lässt. Bei all Ihrer Kritik sollten Sie auch bedenken, dass wir Menschen geschildert haben, die ihre Zukunft in die eigene Hand nehmen, ohne jedoch die Diagnose MS zu verharmlosen.
Wir sind uns dessen bewusst, dass diese Erzählweise eine sehr schmale Gratwanderung ist. Wahrscheinlich liegt darin auch ein Grund für die überwältigend positive Resonanz auf die Serie „Der Bergdoktor“. Daher hoffen wir, Ihnen ausreichend die Hintergründe unserer Geschichte erläutert zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre ZDF-Zuschauerredaktion”